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musikalische Traditionen

Der Boston – Ein Zöger-Walzer

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Postkarte "Boston Dance"
Eine im Gegensatz zum Kreiseln des Wiener Walzers vorwärtsstrebende Bewegung findet sich im Boston Waltz, auch genannt Boston américain, Zögerwalzer oder Valse Hésitation. Auch wenn er unter den Standardtänzen beim ADTV heutzutage nicht vorkommt, scheint er doch Anfang des 20. Jhds. recht populär gewesen zu sein. Es ist ein langsamer Walzer, den ein Kritiker 1907 in der Zeitschrift “Der Tanzlehrer” recht abfällig kommentiert hat:

„Der Boston-Américain ist nichts weiter als eine schlechte Übertragung des schönen Walzers. Es ist eine Art eingeschlafenen und einschlafenden Walzers (…). Die guten Walzertänzer nennen den Boston den Walzer der Dummen, aller derer, die nicht tanzen können…“1

Die Walzer-Variante soll 1834 tatsächlich im amerikanischen Boston von einem Tanzmeister namens Lorenzo Papatino erfunden worden sein.2 Dazu konnte ich allerdings keine weiteren Quellen finden.

Die grundsätzliche Bewegung der “valses bostonnées” beschreibt G. Desrat 1896 in seinem “Dictionnaire de la danse” so:

“avancer, reculer, tourner à droite, tourner à gauche, sans suivre aucun ordre”,3

also Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen, Drehungen rechts oder links herum ohne eine feste Reihenfolge. Eine genauere Beschreibung des Grundschritts liefert ein Tanzbüchlein aus dem Jahr 1935.4

09_Boston_Beschreibung

Offenbar wurde dieses Nachziehen des Fußes zu unterschiedlichen Zeitpunkten ausgeführt, mal im ersten Takt, mal im zweiten Takt. Was aber noch viel wichtiger ist und in der vorherigen Beschreibung nicht erwähnt wird: Dieser Dreierschritt wurde über zwei Walzer-Takte hinweg ausgeführt.

“Man schleift einen Fuß vor (1. Takt), zieht den anderen Fuß nach und schleift den ersten wieder vor (2. Takt), dann werden die Bewegungen mit dem anderen Fuß ausgeführt.”5

Das heißt, dass nicht auf jede Zählzeit des Dreiviertel-Taktes eine Fußbewegung gemacht wurde, es gab Pausen, was wohl zu dem Namen “Zögerwalzer” geführt hat.6

Einen weiteren “Hesitation Waltz” führte das amerikanische Showtanzpaar Castle ein. Dabei wurde ein Takt mit drei Schritten ausgetanzt, aber im jeweils zweiten Takt nur auf die Zählzeit Eins ein Schritt gemacht. Hier wird ein kleiner Beispiel-Film dafür angeboten.7

Verschiedenste FigurenBoston. Run

Der schon genannte “Run” war nur eine der möglichen Figuren vom Boston, offenbar aber eine der beliebtesten. In einem Tanzbüchlein vom Nürnberger Tanzlehrer Alfred Krebs gibt es noch etliche mehr:8

Boston Figuren

Die typische Bewegungsform des Boston hat sich offenbar auch auf andere Tanzrhythmen ausgebreitet, Oskar Bie schimpft jedenfalls 1919

„Das Bostonnieren der Walzer, Polkas und Mazurkas, ein lässiges Vor- und Rückschreiten der Tempi, ist kulturunfähig.“9

Andere konnten sich hingegen für diese Walzer-Version begeistern. So schwärmt Heinz Pollack im Jahr 1922:

“Welcher Unterschied zwischen ihm und dem Walzer! Statt eines Karussells eine ruhig sanft sich windende Strasse (…) Vielleicht wird man auch die Bezeichnung “Boston” zugunsten des Walzers fallen lassen.”10

Umstritten ist, ob sich um 1925 jenseits des Kanals der English Waltz aus dem Boston oder unabhängig davon entwickelt hat. Zu ihm gehört neben der vorwärtsstrebenden außerdem eine ausgeprägte Hoch-Tief-Bewegung, so dass das Tanzpaar mit einem „von Höhepunkt zu Höhepunkt schwingendem Pendel“ verglichen wurde.

Musik

Zuletzt noch Musik: Ein sehr berühmter Boston-Walzer war aus dem Ballett “Millions d’Arlequin”, ein Titel von Riccardo Drigo 1900. Leider konnte ich keine alte Aufnahme davon auf Youtube finden, ihr könnt ihn euch hier auf einer Phonola73 anhören, einem mechanischen Klavier, das in den ersten Jahrzehnten des 20. Jhds. weit verbreitet war.

Direkt bei mir könnt ihr dem Valse boston “Im Rausch der Nacht” von Hugo Hirsch lauschen.

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  1. Nach Helmut Günther, Helmut Schäfer: Vom Schamanentanz zur Rumba. Stuttgart 1959, S. 236 []
  2. Sonny Watson: Boston. Auf https://www.streetswing.com/histmain/z3bostn1.htm (14.7.2013) []
  3. G. Desrat: Dictionnaire de la danse. Paris 1896, S. 60f []
  4. Herbert John: Der Tanz im Selbstunterricht. 19., völlig neubearbeitete Auflage des gleichnamigen Buches von S. Jaffé. Dresden o.J. (1935), S. 65 []
  5. Beschreibung von Paul Mürich, königlicher Tänzer, Balletmeister, Berlin; aus: Palais de Danse, Modernes Tanz-Album, Foxtrot-Band, Roehr, Berlin 1919; zitiert nach https://www.phonolamusic.at/index.php?id=18 (14.07.2013) []
  6. Ich kenne das Phänomen vom Tango-Valse, in dem meistens nur auf die Zählzeit Eins oder auf die Eins und die Zwei Schritte gemacht werden. []
  7. Als Illustration für einen Artikel von Frank Regan. The history of ballroom/partnership dance in america. Zuletzt aufgerufen 15.07.2013 []
  8. Alfred Krebs: Kommandos und deren Übersetzung der Figurentänze Française und Quadrille des lanciers (unter Berücksichtigung der Nürnberger Tanzweise) und Figurenfolge der Modernen Rundtänze. Nürnberg o.J. (um 1910) []
  9. Oskar Bie: Der Tanz. 2., erweiterte Aufl. Berlin 1919, S. 236 []
  10. Heinz Pollack: Die Revolution des Gesellschaftstanzes. Dresden 1922 []

Autor: Steffi Zachmeier

Die Nürnbergerin Steffi Zachmeier ist mit den fränkischen Melodien aufgewachsen und seit ihrer Kindheit auf Bühnen zu finden. Mit ihren verschiedenen Musikgruppen setzt sie auf einen unkomplizierten und dennoch stilsicheren Umgang mit fränkischen Traditionen. Die Mitherausgeberin von Notenmaterial und Liederbüchern war über 30 Jahre in den Volksmusiksendungen des Bayerischen Rundfunks als Moderatorin zu hören, mit ihren Texten in Nürnberger Mundart bekommt manche Veranstaltung eine eigene Würze. Von der Bayerischen Musikakademie in Hammelburg wurde Steffi Zachmeier beim Fränkischen Liedermacher-Wettbewerb ausgezeichnet, vom Frankenbund im Jahr 2009 mit dem jährlich vergebenen Kulturpreis und 2016 mit dem Frankenwürfel der drei fränkischen Bezirke.

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