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musikalische Traditionen

1. April 2020
von Steffi Zachmeier
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Wo is denn es Gerchla – Zum Mitsingen

Weil heute – am 1. April 2020 – die Veranstaltung “Fränkisch Tanzen” in der Kulturwerkstatt Muggenhof auf AEG wegen der Corona-Krise ausfallen muss, dachte ich, wir könnten wenigstens zusammen singen. So habe ich ein Video aufgenommen – für mich eine neue Erfahrung (und es ist beileibe nicht perfekt geworden).

Ich habe den Text im Video öfters vorgesprochen, so dass letztlich dann alle mitsingen können müssten – auch ohne Liedblatt oder Untertitel. Im richtigen Leben, z.B. auf der Kärwa oder gar beim Tanzen, stehen die ja auch nicht zur Verfügung. Ein “klassisches” Kärwaliedla, also ein Vierzeiler ist das Gerchlas-Lied allerdings nicht.

Das Gerchla als Liedblatt

Liedblatt Wo is denn es Gerchla - Kurzversion

Falls manche Wörter nicht richtig verstanden wurden, möchte ich hier auch ein Liedblatt der im Video gesungenen Version anbieten, obwohl ich ansich Fan vom Auswendig-Singen bin. Manchmal muss man einfach was Nachschauen können.

Per Rechtsklick sollte es in ein eigenes Browser-Fenster verschoben, bzw. auf die Festplatte abgespeichert werden können.

Das Gerchla und die Bärbel

Ich bin ja der Meinung, dass die überlieferten Lieder nicht um ihrer selbst willen “gepflegt” werden müssen. Tradierte Volkslieder zu singen, macht für mich nur Sinn, wenn sie meiner Lebenswirklichkeit entsprechen. Um das überkommene Bild vom zuhause aufs Gerchla wartenden “Bärbala” nicht mitsamt dem Lied zu konservieren, habe ich deshalb zusammen mit meiner Kollegin Katja Lachmann schon vor vielen Jahren zwei Bärbalas-Strophen dazugemacht. Das Bärbala wird dabei von der passiven Person zum handelnden Individuum. Eine von den Strophen verwende ich auch im Video, sie ist auf dem Liedblatt nachzulesen. Die andere lautet so:

Wo is denn des Bärbala? – Is net do, do hast heut Pech.
Die is af der Kärwa, frisst dem Gerch die Bratwürscht wech.
Wart ner, wart ner, wart ner….

Der Gerchlas-Tanz

Zur Melodie vom Gerchlas-Lied existieren in Franken zwei verschiedene Tanzformen. Eine davon ist eine Neuentwicklung aus den 1950er Jahren1 Bei der zweiten handelt es sich um eine Zufalls-Walzer-Form aus Ruhpolding im Chiemgau: den “Sautanz”.2 Dabei wird auf den ersten Melodieteil zuerst paarweise im großen Kreis marschiert. Zur Wiederholung der Melodie bleiben die Männer stehen und klatschen einander zwei-und-zwei in die Hände. Die Frauen gehen derweil entgegen der Tanzrichtung um den stehenden Männerkreis herum. Ein zweiter Teil bringt einen Walzer mit denjenigen Partner*innen, die zufällig beieinander zu stehen kommen. Diesen Tanz hatten die Loonharder Musikanten von einem Besuch bei einem Tanzabend des legendären Tanzmeisters Georg von Kaufmann mitgebracht und in Franken verbreitet mit der Begründung:

“weil wir der festen Überzeugung waren, daß die Oberbayern diese Melodie von uns Franken geklaut hatten: das war doch eindeutig unser ‘Wo is denn as Gerchla'”3

Das eigentliche Lied vom Gerchla

In der beschriebenen Marschwalzer-Version kommt allerdings nur der “Gerchlas”-Teil des Liedes vor – im ersten Teil des Tanzes. Der zweite “Wart ner, wart ner”-Teil wird heute von manchen Tanzkapellen im Dreiviertel-Takt als Walzer nachgespielt, im ursprünglichen Sautanz wird ein beliebiger anderer Ländler oder Walzer verwendet. Das eigentliche Lied “Wo is denn des Gerchla” hingegen hat auch noch einen dritten Teil. Im Video habe ich ihn weggelassen. Ein Liedblatt von der dreiteiligen Version, so wie ihn beispielsweise die Effeltricher Sänger sangen, findet ihr hier zum Download.

Händewasch-Poster

Und zuguterletzt gibts hier noch das nützliche Händewasch-Poster, das ich mit Hilfe von https://washyourlyrics.com hergestellt habe. Ich hab nämlich festgestellt, dass das Durchsingen vom Lied vom Gerchla ohne Wiederholungen genau 30 Sekunden dauert. Und das ist just die empfohlene Wasch-Zeit, um Bakterien und Viren erfolgreich wegzuspülen. Wenn euch also auf einer öffentlichen Toilette demnächst das “Gerchla” entgegenschallt, bitte nicht wundern.

Händewasch-Poster

  1. o.V.: Fränkische Tänze, Würzburg: Frankenbund 1957, 28-30 []
  2. Kaufmann, Georg von: Chiemgauer Tänze (= Lied, Musik und Tanz in Bayern 1), Landsberg/Lech: Heinrich Hohler 1966, 23 (Textteil) bzw. 15 (Notenteil) []
  3. Zachmeier, Erwin: „Plaudereien eines Wirtshausmusikanten“, in: Zachmaier (sic!), Erwin, Ernst Schusser und Margit Schusser (Hrsg.): Kurt Becher zum 70. Geburtstag: Beiträge zur Volksmusik und -pflege in Bayern, Stein bei Nürnberg; Bruckmühl 1984, 327–340, hier 329 []

23. Dezember 2018
von Steffi Zachmeier
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In der Nacht – Eine Herbergsuche

Dunkel isses und kalt – die Schwärzn war ausm Osten raufkrabbelt und die Nacht hat Besitz ergriffen vom Land, da hat aa des kurze Abendrot nix dran ändern könna. Die entsprechenden Viecher sin aktiv worn – und die Tagesgeschöpfe ham sich verzogn an an sichern Ort. Unheimlich is des eigentlich net, – des kommt bloß immer dene so vor, die ihre Pupillen net so weit zammziehn könna, dass sie trotzdem wos sehng. A Katz hätt zum Beispiel problemlos verfolgn könna, wie der alte bärtige Kerl den Weg am Fluss langsam entlang humpelt. An ramponierten Rucksack und a paar Beutel schleppt er mit sich. Die Taschen vo seim langa fleckign Mantel sin verbeult und ausgleiert von a paar Schnapsflaschen.

Er hats heut einfach net gschafft bis zu seim üblichen Quartier unter der Brückn, wo er a paar Decken hinter am Busch versteckt hat. Bis vor aner halben Stund hats nu grengt und gstürmt und so isser unter am Dächla vorm Dorfwirtshaus kauert. Der Wirt siecht des gar net gern, aber bei dem Wetter hat er si doch derbarmt und hat nern hocken lassen. Bloß: Übernachten – des geht dortn net. Ach herrje, warum isser bloß in dem langer, haaßn Summer net in Süden zuung! Es wor doch abzusehng, dass die Wärm letztlich net anhalten werd und dass irgndwann der Winter kummt! Aber es hilft nix: Heit muss er in dem stinkertn Schupfn übernachten, der nach der nächsten Wegbiegung kummt und den so mancher als Klohäusla benutzt.

Kurz vor der Kurvn registriert er Geräusche. Herrgott, do wern sies doch net ba su aner greislichen Nacht im Gebüsch treibn! Des mooch ja im Summer….. …. …. …. …. …. …. ….

Den Rest des Textes finden Sie unter folgendem Download-Button. Ich freue mich, wenn Ihnen mein Text so gut gefällt, dass Sie ihn bei Gelegenheit vorlesen möchten. Bitte nennen Sie dann auch die Autorin 😀 Vielen Dank.

12. September 2018
von Steffi Zachmeier
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Kärwaliedlas-Melodien

Gustl Drechsler Kärwa-Liedla
Vierzeiler-Liederbuch der 1970er Jahre

Die fränkische Kirchweih zeichnet sich durch eine enorme Vielfalt ihrer Formen aus, das betrifft auch die Texte und Melodien der gesungenen Vierzeiler. Etliche Kärwalieder-Bücher wurden in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht – einige sind auch schon wieder vergriffen –  mit einer Fülle von Versen. Zumeist sind dabei auch die Melodien verzeichnet.1 Auch im Internet finden sich Seiten, die Texte sammeln, in der Regel jedoch ohne Melodien.2

Nachspielen der Melodien

Nun ist es in Nürnberg und drumrum üblich, dass die “Kärwaboum” bei verschiedenen Gelegenheiten die Lieder ohne Begleitung vorsingen und die Kapelle die selbe Melodie nachspielt, so wie im Video-Mitschnitt vom Großreuther Betzentanz zu sehen. Übrigens spielen die meisten Musikgruppen in klingend Es-Dur, was wohl dem Einsatz von Blasbesetzungen mit B-Instrumenten geschuldet ist.

Hin und wieder habe ich aber bei Kirchweihen erlebt, dass die Musikanten nicht mit der richtigen – also der eben gesungenen – Melodie folgen, sondern mit irgendeiner beliebigen. Auf Nachfrage hat sich herausgestellt, dass den Musikanten, die nur zur eigenen Kirchweih diese Aufgabe übernahmen und nicht auswendig spielen konnten, schlicht die Noten für ein oder zwei Melodien fehlten. Diesem Umstand will ich mit einer kleinen Ausgabe nun Abhilfe schaffen.

Kleine Notenausgabe
Kärwaliedlas-Melodien für Akkordeon

Zwanzig verschiedene Melodien konnten 1984 bei einer Untersuchung im Nürnberger Stadtteil Almoshof verzeichnet werden.3 Nicht ganz so viele, sondern nur einige, von denen ich meinte, dass sie in Nürnberg und Umgegend am häufigsten gesungen werden, habe ich nun zusammengestellt und für Akkordeon gesetzt. Davon sind zwei Schottisch-Melodien, vier Walzer-Melodien, eine Rheinländer-Melodie, fünf Dreher-Melodien und eine Zwiefachen-Melodie. Für Besetzungen mit B- und Es-Instrumenten, sind Zusatzstimmen auf Extra-Blättern erhältlich.

Da es lediglich um eine Hilfestellung für die nicht so versierten Musikanten ging, habe ich auf Texte im Prinzip verzichtet. Lediglich zur Erleichterung einer schnellen Zuordnung habe ich jeder Melodie eine typische Textstrophe beigesellt, die als Identifikations-Merkmal dienen kann.

Die Ausgabe steht sowohl in Heftform, als auch zum Download zur Verfügung.

  1. Zum Beispiel Drechsler, Gustl (1978): Kärwa-Liedla. Nürnberg: Albert Hofmann; Steinmetz, Horst; Krottenmüller, Hermann (1987): Di Kirwa is kumma. Vierzeiler aus dem südlichen Mittelfranken. Simmershofen (Veröffentlichungsreihe der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik, 41) – mit 24 Melodien und fast 400 Texten; Griebel, Armin; Christ, Heidi (2002): Heut is Kerwa – heut is Leb’n. Kirchweihvierzeiler aus der Hellmitzheimer Bucht. 3. Auflage 2004. Uffenheim (Veröffentlichungsreihe der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik, 55) mit 15 Melodien und 767 Vierzeilern; Christ, Heidi (2005): Kirbaliadli rund um den Hesselberg. Begleitband zu: Heidi Christ: Kirchweih in der Region Hesselberg. Uffenheim (Veröffentlichungsreihe der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik, 58a // 4[a]) mit 12 Melodien und mehr als 80 Texten; Welker, Manfred (2007): Kirchweihlieder und Kirchweihbräuche in Herzogenaurach, Großenseebach, Haundorf, Niederndorf sowie Ober- und Untermembach. Scheinfeld: Druck + Papier Meyer (Schriften zur Heimatpflege im Landkreis Erlangen-Höchstadt, 3) und etliche weitere []
  2. Zum Beispiel https://www.kaerwalieder.de/ oder https://www.kirwa.net/gstanzln.php  []
  3. Zachmeier, Stefanie; Fischer, Karlheinz (1991): Brauchgebundenes Singen aufgezeigt am Beispiel der Almoshofer Kerwa. In: Bayerischer Landesverein für Heimatpflege (Hg.): Singen in Bayern. Alte und neue Singformen “überlieferter Lieder”. Volksmusik. Forschung und Pflege in Bayern. Zehntes Seminar. Babenhausen, 1989. München, S. 65–79 []