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musikalische Traditionen

23. Dezember 2018
von Steffi Zachmeier
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In der Nacht. Eine Herbergsuche

In der Nacht

Dunkel isses und kalt – die Schwärzn war ausm Osten raufkrabbelt und die Nacht hat Besitz ergriffen vom Land, da hat aa des kurze Abendrot nix dran ändern könna. Die entsprechenden Viecher sin aktiv worn – und die Tagesgeschöpfe ham sich verzogn an an sichern Ort. Unheimlich is des eigentlich net, – des kommt bloß immer dene so vor, die ihre Pupillen net so weit zammziehn könna, dass sie trotzdem wos sehng. A Katz hätt zum Beispiel problemlos verfolgn könna, wie der alte bärtige Kerl den Weg am Fluss langsam entlang humpelt. An ramponierten Rucksack und a paar Beutel schleppt er mit sich. Die Taschen vo seim langa fleckign Mantel sin verbeult und ausgleiert von a paar Schnapsflaschen.

Er hats heut einfach net gschafft bis zu seim üblichen Quartier unter der Brückn, wo er a paar Decken hinter am Busch versteckt hat. Bis vor aner halben Stund hats nu grengt und gstürmt und so isser unter am Dächla vorm Dorfwirtshaus kauert. Der Wirt siecht des gar net gern, aber bei dem Wetter hat er si doch derbarmt und hat nern hocken lassen. Bloß: Übernachten – des geht dortn net. Ach herrje, warum isser bloß in dem langer, haaßn Summer net in Süden zuung! Es wor doch abzusehng, dass die Wärm letztlich net anhalten werd und dass irgndwann der Winter kummt! Aber es hilft nix: Heit muss er in dem stinkertn Schupfn übernachten, der nach der nächsten Wegbiegung kummt und den so mancher als Klohäusla benutzt.

Kurz vor der Kurvn registriert er Geräusche. Herrgott, do wern sies doch net ba su aner greislichen Nacht im Gebüsch treibn! Des mooch ja im Summer nu oogäih für a schnelle Nummer, ober heit? Ganz deutlich hört er a Fraa stöhner. Schell weiter! Es gfällt net an jedn, wenn er gstört werd – nuderzu von su an wie ihm. Am End fällt ihna nu ei, dass es gspassiger sei könnt, ihn aweng zu ärchern. Er schaut lieber, dass er weiterkummt.

Aber da ruft nern aa scho a Männerstimm: „Hej, hallo!“ „Iech hob ka Zeit“, grantelt er in sein Bort nei und schlurft zou. „Entschuldigung,“ sagt die Stimm wieder, „könna sie mir helfen?“ Und diesmal erkennt er, dass die Fraa net aus Lust stöhnt, sondern vor Schmerzen ächzt. „Ich konn mer netamol selber helfen“, mault er, bleibt aber steh und versucht, in der Finstern die zwaa Gstaltn zu erkenna, die etz auf ihn zu wanken. A großer Kerl isses, der a klaane Person stützt. Sie hängt schwer an ihm dro.

Verzweiflung hört er aus der Stimm, die etz sacht: „Mir brauchertn dringend irgend a trockne Stell. Mei Fraa kriecht ihr Kind!“ Do entfernt er si drei Schritt rückwärts: „Macht mer doch nix weis! Wer isn mit aner schwangern Fraa in su aner Nacht unterwegs! – Miech brauchter net überfalln, ich hob nix! Ka Geld und aa ka Quartier für Eich! Wo iech übernacht, wollt ihr net hi!“

„Doch! Bitte!“ Wieder stöhnt sie. Wenn des gspillt is, dann is es großes Theater! „Es geht schneller, Sebb,“ flüsterts, „und die Blosn is platzt.“ Irgendwie riechts etzad komisch. Und wenns doch echt is? „Also dann hobb, do vorn is a Schupfn, do wollt i suwiesu hi!“ Nochert geht alles ganz schnell: Kaum, dass’s drin senn, rumpelt die Fraa ins Eck hinter und ächzt heftig. Aa der Moo is vo dort ganz aufgrecht zu hören: „Marri, Marri, gehts?“

Derwall kramt er selber sei Taschenlampen raus, raamt mit a poor Zweig im vordern Teil den Müll baseitn und schafft a halbwegs saubere Stell. Dorthi legt er sei Sitzplane und sein zweiten Pullover omadraaf. Dann fällt nern auf, dass hinten im Eck plötzlich ganz ruhig is und mit aamol kräht a dünns Stimmla durch die Finsternis. „Allmächt, ich glaabs net! A Bobberla in dem Verschlooch! – Geht her, ich hob aweng zammgraamt do. Aber schenner werds net.“ Er hält dem erschöpften Männer-Gsicht, des ausm Dunkeln auftaucht, a Schnapsflaschen hi. Und wie die zwaa sich schließlich mit ihrm Klann niederglassn hom, druckt er si nu aweng verlegn an der Tür rum und verziecht si schließlich. Draußen is die Nacht etzad ganz klar, der Wind hat si glecht und droma leicht a Stern ganz hell.

Ich freue mich, wenn Ihnen mein Text so gut gefällt, dass Sie ihn bei Gelegenheit vorlesen möchten. Es wäre schön, wenn Sie mir einen kleinen Obulus dafür überlassen würden und sich die pdf-Datei über den unten stehenden Button herunterladen. Bitte nennen Sie dann auch die Autorin 😀 Vielen Dank.


12. September 2018
von Steffi Zachmeier
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Kärwaliedlas-Melodien

Kärwaliedlas-Melodien

Gustl Drechsler Kärwa-Liedla

Vierzeiler-Liederbuch aus den 1970er Jahren

Die fränkische Kirchweih zeichnet sich durch eine enorme Vielfalt ihrer Formen aus, das betrifft auch die Texte und Melodien der gesungenen Vierzeiler. Etliche Kärwalieder-Bücher wurden in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht – einige sind auch schon wieder vergriffen –  mit einer Fülle von Versen. Zumeist sind dabei auch die Melodien verzeichnet.1 Auch im Internet finden sich Seiten, die Texte sammeln, in der Regel jedoch ohne Melodien.2

Nachspielen der Melodien

Nun ist es in Nürnberg und drumrum üblich, dass die „Kärwaboum“ bei verschiedenen Gelegenheiten die Lieder ohne Begleitung vorsingen und die Kapelle die selbe Melodie nachspielt, so wie im Video-Mitschnitt vom Großreuther Betzentanz zu sehen. Übrigens spielen die meisten Musikgruppen in klingend Es-Dur, was wohl dem Einsatz von Blasbesetzungen mit B-Instrumenten geschuldet ist.

Hin und wieder habe ich aber bei Kirchweihen erlebt, dass die Musikanten nicht mit der richtigen – also der eben gesungenen – Melodie folgen, sondern mit irgendeiner beliebigen. Auf Nachfrage hat sich herausgestellt, dass den Musikanten, die nur zur eigenen Kirchweih diese Aufgabe übernahmen und nicht auswendig spielen konnten, schlicht die Noten für ein oder zwei Melodien fehlten. Diesem Umstand will ich mit einer kleinen Ausgabe nun Abhilfe schaffen.

Kleine Notenausgabe

Zwanzig verschiedene Melodien konnten 1984 bei einer Untersuchung im Nürnberger Stadtteil Almoshof verzeichnet werden.3 Nicht ganz so viele, sondern nur einige, von denen ich meinte, dass sie in Nürnberg und Umgegend am häufigsten gesungen werden, habe ich nun zusammengestellt und für Akkordeon gesetzt. Kärwaliedlas-Melodien für AkkordeonDavon sind zwei Schottisch-Melodien, vier Walzer-Melodien, eine Rheinländer-Melodie, fünf Dreher-Melodien und eine Zwiefachen-Melodie. Für Besetzungen mit B- und Es-Instrumenten, sind Zusatzstimmen auf Extra-Blättern erhältlich.

Da es lediglich um eine Hilfestellung für die nicht so versierten Musikanten ging, habe ich auf Texte im Prinzip verzichtet. Lediglich zur Erleichterung einer schnellen Zuordnung habe ich jeder Melodie eine typische Textstrophe beigesellt, die als Identifikations-Merkmal dienen kann.

Die Ausgabe steht sowohl in Heftform, als auch zum Download zur Verfügung.

  1. Zum Beispiel Drechsler, Gustl (1978): Kärwa-Liedla. Nürnberg: Albert Hofmann; Steinmetz, Horst; Krottenmüller, Hermann (1987): Di Kirwa is kumma. Vierzeiler aus dem südlichen Mittelfranken. Simmershofen (Veröffentlichungsreihe der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik, 41) – mit 24 Melodien und fast 400 Texten; Griebel, Armin; Christ, Heidi (2002): Heut is Kerwa – heut is Leb’n. Kirchweihvierzeiler aus der Hellmitzheimer Bucht. 3. Auflage 2004. Uffenheim (Veröffentlichungsreihe der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik, 55) mit 15 Melodien und 767 Vierzeilern; Christ, Heidi (2005): Kirbaliadli rund um den Hesselberg. Begleitband zu: Heidi Christ: Kirchweih in der Region Hesselberg. Uffenheim (Veröffentlichungsreihe der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik, 58a // 4[a]) mit 12 Melodien und mehr als 80 Texten; Welker, Manfred (2007): Kirchweihlieder und Kirchweihbräuche in Herzogenaurach, Großenseebach, Haundorf, Niederndorf sowie Ober- und Untermembach. Scheinfeld: Druck + Papier Meyer (Schriften zur Heimatpflege im Landkreis Erlangen-Höchstadt, 3) und etliche weitere []
  2. Zum Beispiel https://www.kaerwalieder.de/ oder https://www.kirwa.net/gstanzln.php  []
  3. Zachmeier, Stefanie; Fischer, Karlheinz (1991): Brauchgebundenes Singen aufgezeigt am Beispiel der Almoshofer Kerwa. In: Bayerischer Landesverein für Heimatpflege (Hg.): Singen in Bayern. Alte und neue Singformen „überlieferter Lieder“. Volksmusik. Forschung und Pflege in Bayern. Zehntes Seminar. Babenhausen, 1989. München, S. 65–79 []

14. Mai 2018
von Steffi Zachmeier
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Kiekbusch auf der Titanic

Kiekbusch auf der Titanic

Kiekbusch-Fassung - F.A.ZornSchon oft haben sich Leute bei Tanzkursen über den Begriff für eine Tanzaufstellung gewundert, die „ Kiekbusch-Fassung ” genannt wird. In der Darstellung von Friedrich Anton Zorn ist zu sehen, was damit gemeint ist.1

Wikipedia beschreibt die Aufstellung so:

„Der Tänzer steht schräg links hinter der Tänzerin. Mit seiner Rechten hält er die rechte Hand der Tänzerin, wobei sein Handgelenk auf der rechten Schulter der Tänzerin ruht, die linken Hände sind seitlich gefasst. Auch gegengleich möglich.”2

Ganz ähnlich heißt es im Kögler-Büchlein mit den Fachausdrücken zum Volkstanz aus den 1970er Jahren zu der „Paarfassung in der Aufstellung seitlich hintereinander“:

„Kiekbuschfassung oder Rheinländerfassung. Der Tänzer faßt mit der gestreckten Rechten die angewinkelte Rechte der Tänzerin über ihrer rechten Schulter, mit seiner angewinkelten Linken ihre seitwärts gestreckte Linke.”3

Eine Rheinländer-Fassung

Aha, es geht um eine Aufstellung zum Rheinländer. Aber was soll das mit dem „Kiekbusch”? Vielleicht hat der oder die ErfinderIn des Begriffs für die Tanzfassung ein Kinderspiel gekannt, zu dem ich in der plattdeutschen Wikipedia einen Hinweis fand. Das Kinderspiel mit Wechselgesang wird dort so beschrieben:

„Dabei stellt sich ein Kind (der Junge) hinter das andere Kind (das Mädchen) und guckt immer wieder einmal über die Schulter und singt ‚Kiekbusch, ich seh dich‘. Das vordere Kind guckt dann auch nach hinten und singt ‚dass du mich siehst, das freut mich‘.”4

Ob das hier die dazugehörige Melodie ist?

Titanic

Bei uns in Nordbayern ist weder dieses Lied noch ein ähnlicher Tanz bekannt. Und so hatte die Hartensteiner Kirchweihjugend, die ich ein paar Mal für ihren jährlichen großen Auftritt an der Kirwa trainiert habe, eine völlig andere Assoziation: Im Spielfilm „Titanic“ von James Cameron gibt es eine einprägsame Szene, in der die Hauptfigur Rose ganz vorne auf dem Schiff steht, die Arme ausbreitet und so den Wind und die Bewegung genießt. Hinter ihr steht ihr Held Jack. Kurzerhand wurde deshalb die Tanzfassung in Hartenstein „Titanic” genannt.

Beim Tanz sind zwar die Arme nicht gestreckt, so wie im Film, sondern gebeugt, und der Herr fasst die Dame nicht an der Taille, doch als Merkhilfe für diesen Fachausdruck finde ich diesen Begriff ganz gut geeignet.

  1. Friedrich Anton Zorn und Gustav Engelhardt (ca. 1920): Atlas zur Grammatik der Tanzkunst und Tanzschreibkunst oder Choreographie. Berlin: Eduard Bloch, S. XXV, gespiegelt []
  2. Wikipedia-Artikel „Kiekbuschfassung”, abgerufen am 14.05.2018 []
  3.  Anonym (1971): Fachausdrücke Volkstanz. Tanzgattungen, allgemeine Begriffe, Aufstellungen, Fassungen, Schritte, Bewegungen, Rundtänze, alphabetisches Verzeichnis. Stuttgart: Kögler, S.  24 []
  4.   Plattdeutsch-Wikipedia-Artikel „Kiekbusch”, abgerufen am 14.05.2018  (Übersetzung S.Z.)   []