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musikalische Traditionen

Puhoi: Lieder und Tanzmusik der Egerländer in Neuseeland

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Man kennt das: Schon Goethe hatte Volkslieder bei den “ältesten Müttergens” gesammelt.1 Dahinter steht die Einsicht, dass sich gerade bei der älteren Generation noch Überlieferungen erfragen lassen, die den Jüngeren bereits verloren gegangen sind. Ein Beispiel dafür, dass es tatsächlich manchmal fast schon zu spät ist, sind die Inhalte des 2025 erschienenen Buchs, das ich hier vorstellen möchte.

Die historische Siedlung Puhoi

Im Ort Puhoi in Neuseeland, etwa 50 Kilometer nördlich von Auckland, konnten in jüngster Zeit Reste einer Musikkultur gesichert werden, die einst aus dem Egerland mitgebracht worden war: Melodien sowie “deitsch”-sprachige Lieder. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich dort in mehreren Einwanderungswellen Menschen aus der Gegend östlich westlich von Pilsen niedergelassen. Über einen längeren Zeitraum hinweg wurde in der neuen Heimat weiterhin in vertrauter Weise gesungen, getanzt und musiziert. Gesprochen wurde dabei eine Form des Nordbairischen, wie sie auch in Teilen der Oberpfalz und im nordöstlichen Oberfranken verbreitet ist.

Dass Menschen sich kulturell und sprachlich an ihre Umgebung anpassen und sich von Generation zu Generation immer weniger von der Mehrheitsbevölkerung unterscheiden, ist sowohl verständlich, als auch wünschenswert. Bedauerlich ist dieser Prozess allenfalls aus der Perspektive historisch Forschender. Umso größer ist ihre Dankbarkeit für erhaltene Zeitdokumente, die einen Blick auf diese inzwischen weitgehend verschwundenen Traditionen erlauben.

Quellenlage und Aufzeichnungen

Die wichtigsten Quellen dieser verdienstvollen Sammlungs- und Ordnungsarbeit sind in diesem Fall Notizbücher aus den 1960er und 1970er Jahren, die Redewendungen, Sprüche, Wörter und Liedtexte enthalten. Sie stammen von Judith Williams, der inzwischen verstorbenen Mitautorin. Hinzu kommen Tonaufnahmen, die der Linguist Werner O. Droeschler bereits in den 1960er Jahren mit einem Kassettenrekorder angefertigt hat. Weitere ältere Tonaufnahmen wurden von Einheimischen beigesteuert. Das Material des deutsch-böhmischen Musikanten Erich Baumann, der Puhoi 1984 besuchte und aus seinen Aufzeichnungen veröffentlichte, wurde ebenfalls herangezogen, sowie zwei Musik-CDs aus den 1990er Jahren. Ein ebenfalls verwendetes Notenmanuskript, das der Puhoi-Musikant Charles Becker (1874–1956) hinterlassen hat, wird im Buch leider nicht näher beschrieben oder abgebildet.

Für insgesamt 29 Lieder und Musikstücke wurden schließlich diese Quellen verglichen, mit Material aus dem Egerland zusammengeführt und schließlich zu einer verwendbaren Fassung ausgearbeitet. Ziel der Autoren war es, “ein Gleichgewicht zu finden zwischen einer reinen Dokumentation der Lieder aus Puhoi und dem Bestreben, ein Repertoire zu schaffen, das für verschiedene Aufführungen geeignet ist.” (S. 106f.)

Traditionen im Wandel

Schade, dass wir nicht erfahren, wer die Adressaten hierfür sein könnten. Das Buch, das zuerst in einer englische Ausgabe erschienen war, schildert ansich, dass in Puhoi aktuell niemand mehr das egerländische “deitsch” spricht und die Lieder vergessen sind. Andererseits existieren Fotos aus den Jahren 2014 und 2016 von Tanzgelegenheiten (S. 91, 98, 104 und 116) und es ist die Rede davon, dass “interessierte Tanzgruppen, darunter auch Kinder, […] die alten Egerländer Tänze am Leben [halten] (S. 116). Womöglich werden die Traditionen ja doch noch gepflegt in Puhoi?

Apropós Tanz: Die Tanzleidenschaft der Puhoier Bevölkerung war offenbar legendär (S. 113-116) und wird durch verschiedene Quellen belegt. Unter dieser Prämisse wäre eine genaue Beschreibung der ausdrücklich erwähnten “Fingerpolka” hochinteressant. Zumal es sich um den Tanz handelt, “den in Puhoi fast jeder kennt”, er gilt “als einzigartig und wird auch Puhoi-Tanz genannt.” (S. 103)

Vielleicht wäre es möglich, zusätzlich zum abgedruckten Material auch die unveränderten Transkriptionen der Tonaufnahmen zugänglich zu machen. Dass hingegen die originalen musikalischen Tondokumente aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes und des Urheberrechts wohl nicht veröffentlicht werden können, ist nachvollziehbar. Als Grundlage für weitere Forschungen – z.B. für Studien zum kulturellen Wandel – wären noch mehr Informationen zu vergangenen und aktuellen Sing- und Musiziergelegenheiten und dem dort verwendeten Repertoire wünschenswert. Schön jedenfalls, dass wir manches über die Gewährspersonen und das Musikleben in den Familien erfahren.

Insgesamt leistet das Projekt zweifellos einen wertvollen Beitrag zur Bewahrung der musikalischen Überlieferung von Puhoi und der egerländischen Herkunftskultur und stellt zugleich fundiertes Material für die praktische Arbeit zur Verfügung.


Die Daten des Buches: Roger Buckton, Ralf Heimrath, Judith Williams (2025): Nach dem Winter kommt der Sommer: Lieder, Sprüche und Tanzmusik der Egerländer in Puhoi/Neuseeland. Würzburg: Königshausen & Neumann, 180 S., isbn 978-3-8260-8970-1


  1. Berühmte Formulierung in einem Brief von Goethe an Herder 1771 []

Autor: Steffi Zachmeier

Die Nürnbergerin Steffi Zachmeier ist mit den fränkischen Melodien aufgewachsen und seit ihrer Kindheit auf Bühnen zu finden. Mit ihren verschiedenen Musikgruppen setzt sie auf einen unkomplizierten und dennoch stilsicheren Umgang mit fränkischen Traditionen. Die Mitherausgeberin von Notenmaterial und Liederbüchern war über 30 Jahre in den Volksmusiksendungen des Bayerischen Rundfunks als Moderatorin zu hören, mit ihren Texten in Nürnberger Mundart bekommt manche Veranstaltung eine eigene Würze. Von der Bayerischen Musikakademie in Hammelburg wurde Steffi Zachmeier beim Fränkischen Liedermacher-Wettbewerb ausgezeichnet, vom Frankenbund im Jahr 2009 mit dem jährlich vergebenen Kulturpreis und 2016 mit dem Frankenwürfel der drei fränkischen Bezirke.

2 Kommentare

  1. Sehr geehrte Frau Zachmeier,
    vielen Dank für Ihre freundliche Rezension vom 26.01.2026.
    Im Folgenden darf ich Ihnen zu einigen Punkten antworten:

    Die Egerländer Auswanderer nach Neuseeland kamen aus einer Gruppe von Dörfern westlich (nicht östlich) von Pilsen, vgl. die Landkarte im Buch S. 106

    Die handschriftliche Manuskriptsammlung von Charles Becher aus dem Jahr 1964 liegt mir in fotografischer Kopie vor. Sie umfasst 96 Seiten DIN A 4.
    Bearbeiter des Notenmaterials für das Buch war Roger Buckton aus Neuseeland, während ich mich um den Textteil gekümmert habe.

    Als Adressaten sehe ich sowohl Personen mit wissenschaftlichem Interesse als auch solche, die das musikalische Erbe erhalten und pflegen wollen. Es gibt einige Personen, die in Puhoi an diesen Traditionen festhalten wollen. Das Buch will aber auch ein breiteres Publikum in NZ und im deutschsprachigen Raum ansprechen. Deshalb haben Roger Buckton und ich das Vorhaben auch zweisprachig gestaltet. Im Übrigen ist die deutschsprachige Version einige Wochen vor der englischsprachigen erschienen.

    Die Transkriptionen der Droescher-Aufnahmen finden sich bei den einzelnen Liedern inklusive der Lautschrift, damit auch Nicht-Mundartsprecher etwas damit anfangen können.

    Die englischsprachige Version enthält mehr biographische Informationen als die deutschsprachige. Buckton und ich waren der Meinung, dass in NZ mehr Interesse an diesem Thema besteht.

    Ich stimme Ihnen zu, dass für „Studien zum kulturellen Wandel … noch mehr Informationen zu vergangenen und aktuellen Sing- und Musiziergelegenheiten und dem dort verwendeten Repertoire wünschenswert“ wären. Vielleicht kann das Archiv und Museum in Puhoi dazu etwas beitragen.

    Noch einmal vielen Dank für die wohlwollende Rezension. Gerne stehe ich für weitere Kommunikation zur Verfügung.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Dr. Ralf Heimrath

    • Sehr geehrter Herr Dr. Heimrath,
      vielen Dank für Ihre prompte Rückmeldung und die ergänzenden Informationen.

      Betreffs der Transkriptionen habe ich die Quellenangaben im Buch so verstanden, dass die abgedruckten Lieder keine Original-Niederschriften der Aufnahmen sind, sondern eine Zusammenführung aus verschiedenen Quellen. Mir ist bewusst, dass dies für den praktischen Gebrauch sinnvoller ist als ein Transkript von mitunter unklarem Gesang (wie bei „Moidl rupf di“ erwähnt) oder von Aufnahmen mit vergessenen Textstellen (z. B. bei „O du löiwa Augustin“).

      Die West-Ost-Verwechslung habe ich im Text korrigiert.
      Viele Grüße

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