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musikalische Traditionen

Im Türmermuseum Vilseck

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Vogelturm in Vilseck (Foto: Steffi Zachmeier)Türmer sind Wächter, sind Warner. Im Vilsecker Vogelturm lebten jahrhundertlang diejenigen Menschen, die das städtische Leben sicher gemacht haben: Die Türmer mit ihren Familien. Sie mussten nicht nur bei Feuer Alarm blasen, sondern auch herannahende Unwetter und Personengruppen ankündigen.

Seit dem Besuch im Türmermuseum Vilseck sehe ich jeden Kirch- und Mauerturm in einem andern Licht: Dort haben Menschen gewohnt! Unter unglaublichen Bedingungen: Beengt in einigen wenigen Räumen unter allereinfachsten Umständen. Eine Ansichtskarte zeigt die – gegen eine in Vilseck gezeigte, sehr komfortable – Einrichtung der Türmerfamilie im Frankfurter Dom: Ansichtskarte Türmerwohnung in Frankfurt

Zwar schreibt Wikipedia nur von der Wächterfunktion der Türmer, doch wichtig ist auch eine Tätigkeit, die vermutlich aus dem Job des Stunden- und Warnzeichenanblasens hervorging: Die Türmer waren Musiker! Mit ihrer Musik begleiteten sie die verschiedensten Anlässe in der Stadt und besserten ihre karge Entlohnung auf. Daraus sind schließlich die Stadtpfeifereien hervorgegangen, bei denen ungezählte Unterhaltungsmusiker ihre Ausbildung erhalten haben. Meine – beruflich – direkten Vorfahren also!

In den Nürnberger Mendelschen und Landauerschen Hausbüchern, einer Portraitserie, die jeweils zwölf Männer beschreibt, die von etwa 1425/26 bis 1806 ihr Alter in einer Stiftung verbrachten, werden insgesamt 16 Männer gezeigt mit der Berufsbezeichnung „Durner“, „Turner“ oder „Türner“. Bei allen ist ein Blasinstrument das bildliche Zeichen für ihre Tätigkeit. Auch im Volkacher Salbuch1 gibts die Abbildung eines Türmers beim Eidschwören.Türmer im Volkacher Salbuch

Ausführlich über Tätigkeit, Leben und Umfeld der Türmer berichtet das tolle Buch von Barbara Polaczek und dem stellvertr. Oberpfälzer Bezirksheimatpfleger Johann Wax.2

Was gibts im Vilsecker Museum zu sehen?

Eine Außentreppe führt uns bereits ein Stück auf den Vilsecker Turm, dort fordert uns ein Schild auf, an die Tür zu klopfen. Sogleich wird uns geöffnet, der Publikumsverkehr scheint nicht gerade überbordend zu sein und wir bleiben auch während der folgenden etwa eineinhalb Stunden unseres Rundgangs die einzigen Interessenten. Das kann nicht am Eintrittsgeld liegen, denn der Betrag von 2,00 EUR für Erwachsene und ermäßigt 1,50 EUR schreckt wohl kaum ab. Allerdings ist davon sicherlich nicht die intensive Rundum-Betreuung zu finanzieren, die wir durch die freundliche Kassiererin erhalten. Wir erhalten eine Führung, die zwar etwas auswendiggelernt klingt, aber auf Nachfragen durchaus reagiert.

Das Beeindruckendste sind für mich die Räumlichkeiten. Aber auch die Texte finde ich informativ und angenehm prägnant formuliert. Wer gar nichts lesen möchte, darf der Führung lauschen und sogar einmal Türmer sein: Zum Fensterchen hinaus ins Horn blasen, dass es ganz Vilseck hört. Uhrwerk im Vilsecker Vogelturm (Foto: Steffi Zachmeier)Es gibt u.a. Instrumente und Noten zu betrachten, ein Kämmerchen mit Möbeln aus dem Velburger Turm, zwei Rußkuchln und ein Kleid von Lola Montez. Angeblich hatte sie ein Techtelmechtel mit dem Sohn eines hiesigen Türmers. Auch das Uhrwerk der Turmuhr von 1881 ist bemerkenswert, zumal sie funktioniert und täglich aufgezogen wird.

Zum Schluss dürfen wir noch eine Diashow ansehen mit Fotos von vielen Oberpfälzer Türmen, auf denen Türmer lebten.

Nachtwächter in Vilseck (Foto: Steffi Zachmeier)Beim Bier danach auf dem Marktplatz kommt – wie gerufen – der Nachtwächter daher. Heute ist er auf dem Weg zu einer Hochzeits-Gesellschaft, die er zwischen Kaffee und Abendessen mit seinen Geschichten unterhalten wird. Früher gehörte er zusammen mit dem Türmer zum Sicherheitspersonal der Stadt.

 

Vilseck ist übrigens gut per ÖPNV zu erreichen, ein Ausflug lohnt durchaus. Das Türmermuseum hat geöffnet Freitag, Samstag und an Sonn- und Feiertagen von 14-17 Uhr.

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  1. Karl-Sigismund Kramer. Fränkisches Alltagsleben um 1500. Würzburg 1985 []
  2. Barbara Polaczek, Johann Wax. Glockenschlag und Hörnerklang. Türmer in der Oberpfalz. Amberg 2002 []

Autor: Steffi Zachmeier

Die Nürnbergerin Steffi Zachmeier ist mit den fränkischen Melodien aufgewachsen und seit ihrer Kindheit auf Bühnen zu finden. Mit ihren verschiedenen Musikgruppen setzt sie auf einen unkomplizierten und dennoch stilsicheren Umgang mit fränkischen Traditionen. Die Mitherausgeberin von Notenmaterial und Liederbüchern war über 30 Jahre in den Volksmusiksendungen des Bayerischen Rundfunks als Moderatorin zu hören, mit ihren Texten in Nürnberger Mundart bekommt manche Veranstaltung eine eigene Würze. Von der Bayerischen Musikakademie in Hammelburg wurde Steffi Zachmeier beim Fränkischen Liedermacher-Wettbewerb ausgezeichnet, vom Frankenbund im Jahr 2009 mit dem jährlich vergebenen Kulturpreis und 2016 mit dem Frankenwürfel der drei fränkischen Bezirke.

2 Kommentare

  1. Ausgezeichneter Beitrag!!
    Hab vor vielen Jahren in Sorghof bei Vilseck gewohnt. Ich freu mich, dass sich das Städtlein historisch bemüht. Bin im Begriff, wieder von den USA nach Deutschland zu ziehen und werde dann Vilseck und ein paar alte Freunde besuchen. Freu mich schon.

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