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musikalische Traditionen

24. Dezember 2016
von Steffi Zachmeier
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A Rauschgoldengel plaudert

A Rauschgoldengel plaudert

Nach echt an Haufen einsame Tooch, während denen ich in der Finsternis eigsperrt war, und scho gedacht hab, ich vergammel hier ganzagor, do tut sich plötzlich was: Draußen rappelts, schlurfts, hustets. Plötzlich geht mei Kistndeckl auf. Zum Glück is des Licht am Dachboden ziemlich schummrig, sonst täts mi ganz schee blendn nach elf Monat Einzelhaft in der Dunkelheit. „Ach, do hommern ja“, hör ich jemand sagn, „noja, aweng verknietscht isser fei scho“. „Du tust der leicht,“ grummel ich und versuch meine Flügel aweng zu strecken in dem enger Schachtela. „Wennst mi im Januar net su eilig neischobbt hättst, dann wär mei Rock aa sauberer gfaltelt.“

Rauschgoldengel

Der Rauschgoldengel meiner Eltern von ca. 1957

Do bin doch früher ganz anders behandelt worn, in der erschtn Zeit, nachdem mich der Holzschnitzer gmacht hat. Hugenotte war er, a Flüchtling aus Frankreich, in Nämberch isser domols unterkumma. Sei Töchterla, wos er mitbracht ghabt hot, des is an aner vo däi vielen Krankheiten grod gstorbn gwesn, die domols grassiert senn. Er hat viel griena, hat si eigsperrt in sei Kammer. Bis nern aner a Schnitzmesser afn Tiesch glecht hat und a Stück Lindenholz. Do hat er mein Kupf draus gmacht, angeblich schau ich ja der Klann gleich. Mei Klaad mit dem scheena Plisséerock, mei Krona und meine Flügel hat er aus dem dünn ausgschlagner Messingblech gmacht, wos domoals modern wor – Rauschgold, ein tolles Material, soch ich euch, a echt dankbars Stöffla! Noja, bloß knittern tuts halt scho aweng.

Deswegn wer ich etz aus mein Kistla rausgnumma, afn Tisch higlegt und mei Woar wird hi- und herknietscht und glattgstrichn. Im Eck steht scho der Baum, a lange Spitz hat er, do kumm i nauf. I frei mi saggrisch, wie i schließlich nach der langer Zeit wieder amol drom in luftiger Höh häng.

Nu dazu, ohne dass jemand vo der Ladder gstörzt wär, wie seinerzeit der Familienvadder Scholz. Grod, dass er nu den Vorhang derwischt hat, der schließlich unter ihm glandet is. Su hat er si wenigstens bloß den Haxn brochn und net aa nu is Gnagg. Des wor der vielleicht a Gwerch: Am heilign Omd Sanitäter anstatts Weihnachtsruhe! Es Wohnzimmer war vuller aafgreechte Leit und der aanziche Schmuck, wo dann über die Feiertääch am Baum ghängt is, des wor iech. Des wor scho amol wos! Vo dorddn hob i’s aa genau gsehng, dass der klanne Schorsch sich in dem Durchanander mitsamt der Packung Schoklodenkugeln hinters Sofa verzugn hat. Was wahrscheinlich die pure Rache war für die Watschn, die er si gfangt hat, wall er über den Sturz von seim Vadder su arch hat lachen müssn.

Immer nu besser, wie des Gestreite, die Schlägereien und der Hass, den ich an die Feiertooch woanders aa scho gsehng hob. „An Weihnachten liegt die Axt aufn Tiesch“, hat amol aner gsacht. Offenbar is für die Menschen des Fest des Friedens ein beliebter Termin für alle familiären Probleme. Ich soogs eich, in su am Rauschgoldengels-Lebn siecht mer mancherlei vo do drom, do aus der Zimmereckn. – A Kollechin vo mir hängt übrigens überm Eingang zum Nämbercher Christkindlesmarkt. Die solltens amol in Polizeidienst nehmer, die siecht mehr wäi jede Überwachungskamera.

Also, ich häng lieber do herobn, aa wenn manchmal die Luft im wahrsten Sinn des Wortes dick werd. Heit werd ja nimmer su vill graucht wie früher und echte Kerzen homs heit aa nemmer, die rußen und uns, den Christbaumschmuck, ankokeln. Zum Glück hob i nie an Brand derlebn mäin, bloß domols am 2. Januar 45, do wors heftig! Rundrum hats gscheppert und brennt, wie die Engländer die Nämbercher Altstadt zambombt hom. Dass i des überlebt hob! Suwos hob i vurher und nachher net derlebt und ich wünschs aa kann.

Netamol dene Bankertn, die maaner, Weihnachten is bloß zum Abkassiern do. „Das Christkind ist gut aus den Startlöchern gekommen“ hat a Wirtschaftsvertreter heier nach dem ersten Advents-Samstag gsagt. Sei mer net bees: Weihnachten als Wettrennen! Noja, mer kann si ja dann wieder an Gutschein fürn Meditationskurs untern Baum legn „Entspannt und achtsam zur inneren Ruhe“!

Also, iech entspann mi am besten, wenn vorm Baum schee gsunga wird, aa wenn i mer letztes Jahr is Kichern kaum hom verkneifen könna, wie die Patin so andächtig schräg „Stille Nacht“ geschmettert hat. In diesem Sinn wünsch i eich etz a friedvolle Weihnachtszeit – und immer dro denken: Euer Rauschgoldengel hört mit!

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8. Oktober 2016
von Steffi Zachmeier
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Wer ist eigentlich Georg Herbolzheimer?


Dr. Heidi Christ von der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik wollte kürzlich von mir eine Bestätigung über die Autorschaft meines Vaters Erwin Zachmeier vom Lied Entla afn Weiher. Die konnte ich ihr so einfach nicht geben, denn aus einer früheren Recherche wusste ich, dass er lediglich die Melodie dazu gemacht hatte. Aber von wem war der Text? Ich konnte mich momentan nicht erinnern. In älteren Notizen fand ich schließlich den Namen: Georg Herbolzheimer. Nun wollte ich mehr über diesen Mann wissen und Folgendes fand ich heraus:

Zu Biografie und Werk von Georg Herbolzheimer

Georg Herbolzheimer

Georg Herbolzheimer

Als Sohn eines Bäckers in Nürnberg wurde Georg Herbolzheimer am 27.11.1895 geboren. Im Nachwort zum Büchlein Rauschgoldengala beschreibt er selbst seine Kindheit im Haus Ecke Neue Gasse/Sonnengasse recht positiv.

Die Schul- und Ausbildungszeit zum Lehrer verbrachte Herbolzheimer in Nürnberg, Neustadt/Aisch und Altdorf, bevor der 1. Weltkrieg den Lebenslauf unterbrach. Aus seiner Zeit als Soldat und in Kriegsgefangenschaft ist ein Brief nach Nürnberg erhalten,1 in dem er allerdings kaum Persönliches erzählt, sondern fast ausschließlich von der Verpflegung berichtet.

Eine Dissertation erfolgte 19232 und schließlich ließ er sich nach den weiteren Stationen Weidelbach bei Dinkelsbühl, Kraftshof und Buchenbühl bei Nürnberg im Jahr 1941 in Polsingen nieder. Dieser kleine Ort liegt im heutigen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen am Rand von Hahnenkamm und Ries. Mit seiner neuen Heimat hat er sich im weiteren auch literarisch beschäftigt und sogar im dortigen Dialekt gedichtet.3.

Die Nürnberger Gedichte sind in Buchform erst relativ spät, nämlich in den 1960ern, erschienen. Damals lebte Herbolzheimer schon lange nicht mehr in Nürnberg. Bereits früher waren etliche jedoch schon in der Kinder-Zeitschrift Jugendlust abgedruckt. Neben diesen Texten hat er auch kleine Spielstücke verfasst.Gedenktafel Georg Herbolzheimer

Georg Herbolzheimer verstarb am 22.06.1976 in Polsingen.4 Sein Grab wurde vor kurzem im Zuge von Umbaumaßnahmen am neuen Friedhof aufgelassen – auch weil keine Nachkommen mehr da sind. An der Mauer des alten Friedhofs mitten im Ort befindet sich jedoch eine Gedenktafel. Der örtliche Gartenbau- und Verschönerungsverein hat sich so um das Andenken von Herbolzheimer gekümmert. Er hält außerdem durch Neuauflagen den literarischen Nachlass zugänglich.

Vertonte Texte von Georg Herbolzheimer

In der Nürnberger Stadtbibliothek fand ich sechs Titel von Georg Herbolzheimer, darunter auch das Büchlein Rauschgoldengala: Weihnachtliche Gedichte von Martini bis Dreikönig in Nürnberger Mundart für Haus und Schule5

Herbolzheimer: Rauschgoldengala CoverDas Titel gebende Gedicht Rauschgoldengala hat es zu einiger Bekanntheit gebracht. Es wird immer wieder einmal in entsprechenden Publikationen zitiert.6. Außerdem hatte ich mehrere Aha-Erlebnisse, denn gleich vier Texte werden in Vertonungen gern in Franken gesungen:

  • Der Zwetschgermoh (Es woar amoal a Zwetschgermoh…)
  • Advent (Wenns zum erschtnmoal schneit…)
  • Heit houts a Schnöila gschneit
  • Heilige Nacht (Über a Hüttla pfeift eisi der Wind…)Haack: Zwetschgermo - Cover

Vom Zwetschergermoh ist mir auch bekannt, wer die Texte mit Melodien versehen hat: Der Lehrer und Chorleiter Christian Haack hat den Titel 1937 zusammen mit etlichen weiteren Dialekt-Vertonungen veröffentlicht.7 Darunter sind noch weitere Gedichte von Georg Herbolzheimer, nämlich Die Stöcklaschouh8, Der Pelz9, Der Sparsame10 und Rauschgoldengala,11 die offenbar keine weitere Verbreitung gefunden haben.

Die  Vertonungen von Heit houts a Schnöila gschneit und Über a Hüttla sind mit ziemlicher Sicherheit im Umfeld der Loonharder Sänger und Musikanten entstanden. In den 1960er und 1970er Jahren war die Musikgruppe aus Nürnberg auf der nicht sehr ergiebigen Suche nach überlieferten Mundart-Liedern zum Selbst-Komponieren übergegangen. Dass die Musiker Kontakt mit den Autoren und Autorinnen des Collegium Nürnberger Mundartdichter hatten, zu deren Gründungsmitgliedern neben Herbolzheimer auch Hans Mehl gehörte, ist bekannt. Letzterer war mit seinen Mundartgedichten nicht nur häufig bei Veranstaltungen zusammen mit den Loonhardern zu hören, er hat sogar mit ihnen musiziert und aus seiner Feder stammen einige Lieder im Repertoire der Loonharder. Dass neben den Texten von Mehl auch die Büchlein von Herbolzheimer auf Brauchbares überprüft wurden, ist da nicht verwunderlich.

In einem weiteren Bändchen wurde ich dann auch nochmal fündig: Im Katzntischla: Für Kinder von 8 bis 80 Jahren12 sind etliche Tier-Gedichte abgedruckt, inhaltlich sind sie recht einfach gehalten. Der Autor hatte beim Schreiben der Texte offensichtlich eher seine 8-jährigen LeserInnen im Blick als die 80-jährigen. Gleich auf Seite 11 fand sich das gesuchte Entenliedchen. Offenbar hat mein Vater den Text zum Vertonen etwas verändert, doch es handelt sich eindeutig um die Vorlage.

Entla afn Weiher - Liedblatt

Weitere Vertonungen durch Karl Weikmann

Ein Vierteljahrhundert später wurden nochmals Herbolzheimer-Texte in ganz anderem Stil vertont: Der zuletzt in Nördlingen lebende Gitarrenspezialist Karl Weikmann hat einige Gedichte mit Melodien versehen. Manche davon hat er für Chor gesetzt, andere haben die Raitenbuch-Schernfelder Sängerinnen (R-S S), ein Frauen-Quartett, fürs BR-Studio Franken im Jahr 1994 aufgenommen. Sie sind in den Volksmusik-Sendungen von dort immer wieder zu hören.

  • Bittchoral 13 (Chorsatz)
  • Hochzeitslied14 (Chorsatz)
  • Kind und Biene15 (Aufnahme der R-S S: Liebe kleine Biene)
  • Moaglöckli 16 (Aufnahme der R-S S: Maiglöckli)
  • Morgen (Chorsatz)
  • Nacht im Dorfe17 (Chorsatz)
  • Scheidender Tag18 (Aufnahme der R-S S)
  • Das Veilchen (Aufnahme der R-S S)
  • Wieviel Worte sind verklungen19 (Chorsatz)

Zur Urheberschaft von Mundartliedern

Die im 20. Jahrhundert entstandenen fränkischen Mundartlieder sind häufig mit dem Ansinnen verbunden gewesen, traditionelles Liedgut zu fördern. Deshalb haben die Protagonisten ihre Autorenschaft verschleiert: Man dachte, dass ein Kennzeichen für Volkslieder die Anonymität seiner Schöpfer sei. Heute haben wir kein Problem mehr damit, wenn von einem Lied bekannt ist, wer Text und Melodie verfasst hat. (Einzig die Berücksichtigung des Urheberrecht könnte dabei Schwierigkeiten bereiten.) Im Gegenteil: Die AutorInnen und KomponistInnen des hiesigen Liedguts zu kennen, trägt ein kleines Stück zu einer fränkischen Kulturgeschichte bei. Interessant wäre deshalb in diesem Zusammenhang noch, wer Urheber der Melodie zum Text Wenns zum erschtnmoal schneit ist. Kann dazu jemand Auskunft geben?

Außerdem: Sollte ein Nachkomme und Inhaber der ja noch nicht verjährten Urheberrechte Georg Herbolzheimers Einwände gegen die Verwendung seiner Texte in den Liedern haben, bitte ich um Nachricht.

 ♦

  1. vom 12. Oktober 1916, siehe http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN770117376&PHYSID=PHYS_0001, zuletzt abgerufen 08.10.2016 []
  2. Ciceros rhetorici libri und die Lehrschrift des auctor ad Herennium, Erlangen 1923  []
  3. z.B. in: Sonne überm Hahnenkamm. Gedichte um eine fränkische Landschaft. Gunzenhausen: Riedel, 1952. []
  4. Biografische Angaben und Foto aus: Wilhelm Lux: Georg Herbolzheimer – ein fränkischer Dichter und Sänger des Hahnenkamms. In: Alt-Gunzenhausen. Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung 41, 1985, S. 66–69 (Vielen Dank für die Abdruckgenehmigung an den Verein) und KK. Artikel Herbolzheimer, Georg. In: Feilchenfeld, Konrad (Hg): Deutsches Literatur-Lexikon. Das 20. Jahrhundert. Biographisch-bibliographisches Handbuch. Band 17: Henze – Hettwer. Berlin: De Gruyter, 2011, Sp. 39f []
  5. Nürnberg: Freudinger 1965 (= Kleine Nürnberger Reihe 13) []
  6. Z.B. in: Norbert Göttler (Hrsg.). Kripperlschnitzer und Wachszieher. Weihnachtliches Handwerk in Bayern. Dachau: Bayerland, 2013 []
  7. Christian Haack: Der Zwetschgermoh. Heitere Lieder zur Laute. 2 Bände. Nürnberg: Zorn 1937/1941, S. 4. []
  8. S. 6 []
  9. S. 16 []
  10. S. 18 []
  11. S. 22f []
  12. Nürnberg: Glock und Lutz, 1965 (= Nürnberger Mundartdichtung in der Gegenwart) []
  13. Cover hier, Text in: Gottes Brünnlein, Polsingen 2. Auflage 1996, S. 27 []
  14. Cover hier []
  15. Text in: Sonne überm Hahnenkamm, a.a.O, S. 52 []
  16. Text in: Sonne überm Hahnenkamm, a.a.O, S. 16 []
  17. Text in: Sonne überm Hahnenkamm, a.a.O, S. 29; Cover hier []
  18. Text in: Gottes Brünnlein, a.a.O, S. 20 []
  19. Text in: Gottes Brünnlein, a.a.O, S. 24 []

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5. November 2015
von Steffi Zachmeier
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Noten für fränkische Volkstänze

In welchem Heft finde ich denn Noten zum Figurentanz XY“ werd ich oft gefragt. Die Suche ist manchmal gar nicht so einfach, weil die Mundart-Schreibweise unterschiedlich ist. Für alle, die eine Gruppe mit Noten versorgen wollen, kommt hier eine Zusammenstellung für die fränkischen Volkstänze und diejenigen, die hierzulande häufig gespielt werden.

Manche Stücke gibts nur für C-Instrumente, also Akkordeons, Flöten, Geigen u.ä., in der Liste gekennzeichnet mit C. Wenn auch B-Instrumente, also Klarinetten- und Trompetenstimmen vorhanden sind, steht da auch ein B. In den Blasmusikmappen befindet sich allermeistens eine Stimme, aus der auch C-Instrumente die Melodie spielen können, eine Direktion oder Partitur. Genaueres steht dann unter dem Link zur jeweiligen Noten-Ausgabe.

Und nun viel Spaß beim Musizieren und Tanzen.

 

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